Die Entwickler Martin Jochum und Günther Holzer über die Entstehung des geländegängigen E-Rollis Escalador mit Allrad-Antrieb
Bobingen (jm). Mit dem Escalador haben Martin Jochum aus Fischach (Landkreis Augsburg) und Motorsportpionier Günther Holzer (Bobingen) einen völlig neuen geländegängigen Elektro-Rollstuhl mit 4×4-Allradantrieb und weiteren High-Tech-Features entwickelt, der nicht nur Rollstuhlfahrer begeistert. Im Interview verraten beide, wie es dazu kam.

Wie kamen Sie auf die Idee, ein eigenes Fahrzeug zu bauen?
Martin Jochum: Ich war schon immer sportlich aktiv, früher Bergwandern, Mountainbike, Skifahren, Wassersport und Geschicklichkeitsfahren mit dem Zweirad. Ein schwerer Autounfall im Jahr 2015 hat alles verändert, denn seither bin ich querschnittsgelähmt. Trotz dieser massiven Einschränkung wollte ich weiterhin aktiv bleiben und habe daher in der Folgezeit verschiedene Geländerollstühle und Fahrzeuge ausprobiert. Dabei habe ich schnell festgestellt: Diese sind instabil, zu schwach, zu breit, zu langsam, zu schwer, technisch nicht konsequent genug gebaut. Mir war klar: Da muss ich selbst was entwickeln – und zwar von Null an. So ist der Escalador entstanden: kompromisslos und zunächst nur für mich.
Nach Krankenfahrstuhl sieht der allerdings nicht aus…
Martin Jochum: Zum Glück. Der Escalador ist vielmehr eine Kraftmaschine als ein Krankenfahrstuhl und steht damit genau für das Gegenteil dessen, was die Bezeichnung vermuten lässt. Nicht die Einschränkung steht im Vordergrund, sondern Freiheit und Mobilität. Ich bin überglücklich, dass es uns gelungen ist, gemeinsam mit Günther Holzer und seinem Team ein Fahrzeug zu entwickeln, dass alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt.

Ganz schön sportlich. Der Escalador ist mehr Kraftmaschine als Krankenfahrstuhl. Foto: Performance GmbH
Wie kam es zur Zusammenarbeit?
Günther Holzer: Martins Vater Manfred und ich waren über viele Jahre hinweg zunächst Geschäftspartner; daraus ist längst eine Freundschaft entstanden. Der Unfall von Martin hat auch uns sehr mitgenommen. Die Entwicklung des Escalador haben wir von Anfang an aufmerksam verfolgt und später immer intensiver begleitet. Es war beeindruckend zu sehen, wie Martin an das Projekt herangegangen ist. Er ist sehr hartnäckig. Er hat für alles eine Lösung gefunden.
Und das ließ sich alles umsetzen?
Holzer: Wir haben über 30 Jahre Rallyefahrzeuge und Sportwagen für den Tourenwagensport gebaut. Namhafte Automobilhersteller lassen ihre Sportwagen bei uns in Bobingen entwickeln und teilweise auch in Kleinserien produzieren. Wir wissen also ganz genau, was im Fahrzeugbau geht und was nicht. Was im Escalador verbaut ist, sorgt kompromisslos für Performance. Das gibt es in dieser Fahrzeugklasse sonst nicht.

Wer den Sonnenuntergang am Strand genießen will, der fährt mit dem Escalador einfach hin. Foto: Performance GmbH
Braucht’s diese Technologie wirklich in einem Rollstuhl?
Jochum: Die Entwicklung hat jetzt über fünf Jahre gedauert. Wir haben immer wieder ein Detail in der Konstruktion gefunden, das wir noch verbessern konnten. Ich war vor meinem Unfall viel in der Natur und habe sehr aktiv Trialsport betrieben. Dies ist Geschicklichkeitsfahren mit dem Motorrad. Außerdem bin ich technikverrückt: CAD, Konstruktion, CNC-Technik – das hat mich schon immer begeistert und auch beruflich begleitet. Vom Escalador hatte ich eine genaue Vorstellung. Und wie gesagt: Ich habe meine Konstruktion so lange verbessert, ausprobiert und angepasst, bis die Leistung stimmte. Die Expertise von Günther und seinem Team ist Gold wert. Denn gerade auch die Lösungen aus dem Rennsport tragen dazu bei, dass der Escalador so einzigartig ist. Dank des Leichtbaugitterrohrrahmens und der Bauteile aus Titan und Aluminium ist er leicht, aber dennoch steif und stabil. Auch der Recaro-Rennsportsitz stammt aus dem Automobilsport. Er stützt den Oberkörper und das Dreipunkt-Gurtsystem hält einen absolut fest. Gerade für Menschen mit Querschnittslähmung, die in den Beinen keine Muskelkraft entwickeln können, ist das ein ganz wichtiger Faktor.
Holzer: Hier stimmt wirklich alles. Die Anwender können sich im Escalador absolut sicher fühlen. Das war die Maßgabe für unsere Entscheidung, den Escalador in Serie zu produzieren. Das kompromisslose Fahrwerk macht den Escalador zum ultimativen Kletterer und eröffnet Wege, die vorher unmöglich schienen. Dabei vermittelt er selbst im anspruchsvollen Gelände und bei extremen Schräglagen ein Gefühl von Sicherheit und Komfort.

Fünf Jahre lang arbeitete Martin Jochum an der Entwicklung des Escalador. Foto: Performance GmbH
Was war die größte technische Herausforderung?
Jochum: Die Steuerung der vier Radnabenmotoren. Alle Räder müssen permanent miteinander kommunizieren: Untergrund, Schlupf, Geschwindigkeit, Lenkwinkel, Gasstellung, Bremsen, Steigung, Gefälle. Das Fahrzeug reagiert kontinuierlich in Millisekunden auf jede Situation. Das war ein langer Weg, bis wir es richtig umgesetzt hatten. Viele Firmen, auch international renommierte, haben uns gesagt: „Das, was ihr vorhabt, geht nicht.“ Ein Unternehmen aus den USA hat uns ein Jahr begleitet und dann aufgegeben. Dann hatten wir Erfolg mit der zumindest passenden Hardware bei einem bayerischen Unternehmen. Zwei Jahre habe ich dann diese Steuerung ohne Kompromisse programmiert und perfektioniert, zunächst am Prüfstand und dann am Fahrzeug.
Holzer: Martin und sein Vater Manfred, der ihn von Anfang an begleitet und unterstützt hat, haben nicht aufgegeben – sie sind immer drangeblieben. Genau das macht jetzt den Unterschied.

Martin Jochum zeigt’s: Mit dem Escalador sind Treppen keine Endstation mehr für Menschen mit Behinderung. Foto: Performance GmbH
Bringen diese technischen Feinheiten wirklich so viel?
Jochum: Ja, denn sie sorgen für Sicherheit. Wenn du dich unsicher fühlst, fährst du nicht frei – egal auf welchem Untergrund, in welchem Tempo und in welcher Schräglage. Klar: Die meisten Menschen werden den Escalador dafür nutzen, um mit ihrer Familie in den Wald, in die Berge oder an einen See zu fahren. Aber auch da ist es gut zu wissen: Auf meinen Escalador kann ich mich immer verlassen.
Holzer: Wir haben das Fahrzeug so gebaut, dass es in allen Lagen extrem stabil bleibt. Auch in Situationen, in die sich normale Menschen freiwillig nicht hineinbegeben würden. Doch wie Martin schon sagt: Erst aus dieser Sicherheit entsteht Freiheit.

Ohne Grenzen: Der Escalador ermöglicht Menschen mit Behinderung ein neues Freiheitsgefühl. Foto: Performance GmbH
Wann hatten Sie bei der Entwicklung erstmals Gänsehaut?
Jochum: Bei meiner ersten eigenen Ausfahrt. Nicht wegen der Technik – sondern wegen des Gefühls, plötzlich wieder selbstständig unterwegs zu sein. Das war wirklich unbeschreiblich.
Holzer: Wir spüren das bis heute – bei jeder einzelnen Testfahrt. Vor ein paar Wochen kaufte ein Vater für seinen Sohn einen Escalador. Der Junge legte in den ersten zwei Wochen 300 Kilometer zurück. Der Vater sagte zu mir: „Jetzt lebt er wieder, der Bua.“ Solche Geschichten motivieren ungemein. Auch deshalb haben wir uns entschieden, den Escalador in Serie zu bauen.
Jochum: Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Es ist so ein Glücksgefühl, wenn du wieder aktiv mit deiner Familie unterwegs sein kannst, wie ich mit meiner Frau und meinen beiden Kindern. Das gibt mir so viel und dieses Glück will ich auch mit anderen teilen. Umso mehr freue ich mich, dass der Escalador jetzt in Serie geht.

Brachten den Escalador gemeinsam zur Serienreife: Martin Jochum (links) und Günther Holzer. Foto: Performance GmbH
Wer wird den Escalador kaufen?
Jochum: Der Escalador ist sehr vielseitig, so unterschiedlich auch unsere Kunden, die durch Unfall, Erkrankung oder auch einfach im Alter in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt sind und nur noch kurze Strecken zurücklegen können. Sie sehnen sich nach Mobilität und Freiheit, sie wollen Ausflüge machen und die Natur wieder erleben. Und dies mit ihrem Partner, ihrer Familie und ihren Freunden. Mehrere Kunden können endlich wieder mit ihrem geliebten Hund unterwegs sein. Besonders ältere Menschen schätzen den Escalador. Wir haben drei Kunden, die bereits über 90 Jahre alt sind und jetzt neues Glück erleben. Das ist einfach fantastisch. Dank seiner sehr einfachen und sicheren Bedienung unterstützt der Escalador die Anwender perfekt – egal, wie alt oder eingeschränkt sie sind. Er macht einfach Vieles wieder erlebbar.

Martin Jochum testet die Grenzen des Escalador aus. Foto: Performance GmbH
Haben im Escalador auch mobile Menschen Spaß?
Holzer: Absolut. Zusammen mit dem ADAC gibt es Planungen für erste Meisterschaften mit Geschicklichkeits- und Gleichmäßigkeitsfahren im Gelände. Hier treten dann Menschen mit Behinderung unter denselben Bedingungen wie Menschen ohne Behinderung an. So entsteht ein gemeinsames Thema. Die fairste Form der Inklusion.
Jochum: … und das wird spannend! Wir haben nämlich festgestellt, dass Fahrer mit Querschnittslähmung den Escalador oft besser beherrschen als Fahrer, die noch gehen können.

Die Anwender sind dank des kraftvollen Lichtkonzepts des Escalador immer sicher unterwegs. Foto: Performance GmbH
Welche Bedeutung hat der Escalador für Sie persönlich?
Holzer: Für mich ist es der Beweis dafür, dass Technik am stärksten ist, wenn sie sich am Menschen orientiert. Damit sie ihn Grenzen überwinden lässt.
Jochum: Freiheit. Ich habe durch den Escalador ein Stück von dem Leben zurückbekommen, das ich verloren glaubte.
Autoren: Stefanie Böck und Ingo Jensen
Weitere Informationen:
Performance GmbH
Günther Holzer
Gutenbergstraße 21
86399 Bobingen
E-Mail: info@escalador.com
escalador.com
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